Stellungnahme zum Internationalen Frauen(kampf)tag am 08. März 2009 in Rosenheim

Stellungnahme zum Internationalen Frauen(kampf)tag am 08. März 2009 in Rosenheim

Am 08. März 2009 wird, wie jedes Jahr, der Internationale Frauen(kampf)tag sein: Auch in Rosenheim gibt es seit Jahren ein Programm rund um den Frauentag.

Rückblick 2008

Letztes Jahr war das Motto „Damenwahl“, mit Veranstaltungen wie Filmen, Diskussionen, Lesung, Ausstellung und Gebet. Der Titel ist bewusst gewählt, mit der Begründung, dass „Frauen […] anlässlich der Kommunalwahl am 2.3.2008 wählen gehen und möglicherweise auch Kandidatinnen wählen [werden]. Aber haben sie auch in anderen Bereichen eine Wahl? Zum Beispiel im Beruf, bei der Gestaltung ihrer Karriere, in ihrer Lebensplanung, bei der Frage Kinder oder nicht, Heirat oder ledig sein, Familie oder Alleinerziehend? Oder gibt es oft nur eine vermeintliche Wahl?“ Das Veranstaltungsprogramm rund um den 08. März sollte Frauen ermutigen „Wahlfreiheiten anzunehmen und sich dort, wo keine besteht oder nur eine vermeintliche, sich für eine solche einzusetzen.“1 Erste Zweifel an der Ernsthaftigkeit der angegebenen Inhalten kommen bei Betrachtung der unterstützenden und veranstaltenden Gruppen auf:

„Wahlfreiheit bei der Frage Kinder oder nicht“ und Donum Vitae e.V.

Donum vitae (lat. Geschenk des Lebens), eine katholische Schwangerenberatung hat sich den „Schutz des Lebens ungeborener Kinder“2 zum Ziel gesetzt und will weiterhin auf Basis „katholischer Wertvorstellungen“ eine „Schwangerschaftskonfliktberatung“3 sicherstellen. Was haben diese Ziele mit Wahlfreiheit und Selbstbestimmung der Frau zu tun? Schon bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts war die Forderung nach der Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs im Kampf der Frauen von zentraler Bedeutung. „Jährlich musste über eine Million Frauen abtreiben, viele von ihnen starben an den Folgen dieser illegalisierten Eingriffe“4, weswegen u.a. legale Abtreibungsmöglichkeiten5 eingefordert wurden. Die Zusammenarbeit mit einer Institution, welche die Wahlfreiheit von Frauen, durch die „Zielorientierung auf den Schutz des ungeborenen Lebens “6, einzuschränken versucht, an einem Tag, an welchem über gesellschaftliche Missstände in Bezug auf das Recht von Frauen aufmerksam gemacht werden sollte und „Wahlfreiheiten“, sowie „Forderungen nach Abtreibung und damit die Selbstbestimmung von Frauen über ihren Körper, die Kritik an Geschlechterrollenstereotypen und der heterosexuellen Kleinfamilie“7 im Mittelpunkt stehen sollten, zeigt die mangelnde Ernsthaftigkeit und das ebensowenig stark ausgeprägte Bewusstsein über Ursprünge und angestrebte Ziele einer wirklich emanzipativen Bewegung.

2009: „FrauenLeben hat Gewicht“

Dieses Jahr wird der 08. März unter dem Motto „FrauenLeben hat Gewicht“ stehen. Dem Titel angepasst, beschäftigt sich ein Drittel der Veranstaltungen (eine Ausstellung, Workshop, Stadtrundgang, Infoabend) mit dem Thema Essen und – wie zu erwarten, ganz dem bürgerlichen Frauenbild entsprechend – Essstörungen. Dass „eigene Ideale“ gefunden werden sollen „und nicht vorgegebenen Bildern“8 nachgeeifert werden sollte, ist verständlich; auch dass dieses Thema im aktuellen patriarchalen, kapitalistischen Zustand viele Frauen betrifft ist klar. Jedoch den Frauenkampftag derartig zu „gewichten“ lenkt nur von den eigentlich anstehenden generellen Veränderungen ab und reduziert frau letztlich selbst auf das Thema Gewicht, Aussehen und Schönheit. Auch dieses Jahr findet mensch übrigens wieder Donum Vitae im Programm, aber die Kritik daran war ja bereits zu lesen…

Der Frauentag als bürgerlich institutionalisiertes Ritual

Von den Ursprüngen des Internationalen Frauen(kampf)tages ist in der öffentlichen Diskussion und Auseinandersetzung nichts mehr zu vernehmen. So liegen „die Wurzeln des 8. März in der Tradition proletarischer Frauenkämpfe“ und in der „direkte[n] Anregung von nordamerikanischen Sozialistinnen […], die 1909 zu einem Frauenkampftag auf nationaler Ebene aufriefen. […] Nachdem der Streik von Textilarbeiterinnen in Petersburg anlässlich des Internationalen Frauen(kampf)tags am 8. März 1917 zu weiteren ArbeiterInnenprotesten führte, die schließlich den Beginn der „Februarrevolution“ auslösten, wurde der 8. März von der Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz 1921 mit Bezug auf dieses Ereignis als fixes Datum festgelegt.“9

Nicht nur der sozialistische Background ist in heutigen Verlautbarungen nicht zu erkennen, auch treten ursprüngliche Forderungen, wie Wahl- und Stimmrecht für Frauen, Mutter- und Kinderschutz, Achtstundentag, gleicher Lohn für gleiche Leistung, Arbeitsschutzgesetze und Kampf gegen den imperialistischen Krieg in den Hintergrund. Dass ein Teil dieser Forderungen auch heute noch nicht eingelöst ist und anstelle dessen weiterhin Geschlechterrollenstereotype, die heterosexuelle Kleinfamilie, Gewalt in Familien und Beziehungen, Vergewaltigungen, Heteronormativität10 und patriarchale (Entscheidungs-, Reprdoktions-) Strukturen weiterhin an der Tagesordnung stehen, wird dabei komplett ausgeblendet.

Als Beispiel sei die Ausgabe des echo vom 5. März 2008 zu Rate gezogen: Unter dem Titel „Internationaler Frauentag am 8. März. Erfolgreiche Frauen melden sich zu Wort“11 werden „starke Frauen“ vorgestellt und kommen zu Wort. Im Vordergrund dabei stehen nun die erreichten Ziele einzelner Frauen, wie eine Optikerin, eine Hauswirtin, Geschäftsinhaberin u.s.w.u.s.f. Die weiterhin bestehenden gesellschaftlichen Ungleichheiten (z.B. Rassismus und frauenspezifische Fluchtursachen, die doppelte Benachteiligung von Migrantinnen in Bezug auf Bildungschancen und Ausbildungsplätze12) und mögliche Forderungen nach Gleichstellung und allgemein einer ausbeutungsfreien Gesellschaft werden (bewusst) ignoriert und statt dessen eine (rosenheimer) Welt dargestellt, in der alles seine Ordnung hat und sogar Frauen ohne Probleme (wie die vielen Beispiele in dieser Ausgabe des echo zeigen) Karriere machen können. Somit verkommt der 08. März zur reinen Farce und wird ein nettes Ritual mit Film, Kabarett und weiterer Unterhaltung ohne tieferer Inhalte. Friede, Freude, Eierkuchen auf der ganzen geschlechtlichen Ebene…

Festhalten an überkommenen (Frauen)Idealen

Die wenigen inhaltlichen Verlautbarungen (auch gerade im Rahmen der Veranstaltungen der Gleichstellungsstelle und Konsorten rund um den 08. März) behandeln zwar Themen, die in der Presse kaum Beachtung finden, wie „die Situation von Frauen ohne Papiere in Deutschland, die in Haushalten arbeiten“ und die Frage „warum das soziale Ehrenamt maßgeblich von Frauen getragen wird und warum das in der Politik so anders ist“13, ebenso wie die Situation wohnungsloser Frauen unter dem Motto „Wohnungslos – Ein FrauenLeben“ oder ein Film zum Thema HIV bei Müttern14, jedoch fehlt auch hier gänzlich die Thematisierung bestehender Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten aufgrund von (zugeschriebender) Geschlechtszugehörigkeit. Auch die (von einem bürgerlichen Bündnis kaum zu erwartende) Debatte der gesellschaftlich konstruierten Zweigeschlechtlichkeit oder Zusammenhänge von Rassismus, Sexismus und Kapitalismus, wie es beispielsweise der tripple-oppression-Ansatz darstellt, oder Patriarchat und Kapitalismus, sowie die Debatte über Identitätsbildung und Geschlecht, die Einsicht, dass „“die Frau“ als Subjekt des Feminismus unbrauchbar geworden ist, weil damit fast ausschließlich die Situation weisser, meist heterosexueller Frauen der Mittelschicht, die in den westlichen Industrieländern wohnen, berücksichtigt wurde“15, sowie beispielsweise Ansätze der queer-studies, welche „feste Identitätszuschreibungen im Bereich der Sexualität und des Geschlechts“16 im Zusammenhang mit der „Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität die Machtverhältnisse in einem patriarchalischen Gesellschaftssystem“17 analysieren und kritisieren. Somit kann Abstand genommen werden von alten Ansätzen, bei denen die Zweigeschlechtlichkeit aufrecht erhalten bleibt und „nur“ von Frauen gegenüber Männern gesprochen wird, wodurch diese beiden Kategorien weiterhin konstituierender Bestandteil des Denkens bleiben. So blieben auch die Veranstaltungen rund um den 08. März 2008 in Rosenheim, überkommenen Ansätzen verhaftet und u.a. mit der Beteiligung von (kirchlichen) Schwangerschaftsberatungstellen werden mögliche fortschrittliche Ansätze konterkariert und untergraben. Nicht zuletzt das echo zeigt die Inhaltslosigkeit des zum Ritual gewordenen Internationalen Frauen(kampf)tages im bürgerlichen Spektrum.

Fußnoten:

1 Foulder der Gleichstellungsstelle Stadt Rosenheim u.a.: Damenwahl. Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag 2008 in Rosenheim.

2 Satzung für den „DONUM VITAE in Bayern e.V.“ zur Förderung des Schutzes des menschlichen Lebens (1999). §2. Verfügbar unter:

http://www.donum-vitae-bayern.de/

3

http://www.donumvitae.org/

4 Internationaler Frauenkampftag 8. März (2004). Verfügbar unter:

http://no-racism.net/article/674/

5 heute gibt es zur Bekämpfung von Abtreibungen den sogenannten Abtreibungsparagraphen §218

6 donum vitae (2007). Zielorientierung und Ergebnisoffenheit. In: ders. Beratungskonzept für die Beratungsstellen in Trägerschaft von donum vitae. S. 10.

7 Internationaler Frauenkampftag 8. März (2004). Verfügbar unter:

http://no-racism.net/article/674/

8 Foulder der Gleichstellungsstelle Stadt Rosenheim u.a.: FrauenLeben hat Gewicht: Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag 2009 in Rosenheim.

9 Internationaler Frauenkampftag 8. März (2004). Verfügbar unter:

http://no-racism.net/article/674/

1 0 Heteronormativität beschreibt den Zwang in einem System, in welchem nur zwei Geschlechter angenommen und akzeptiert werden, sich genau einem der beiden (konstruierten) Geschlechter zuzuordnen. Das bezieht sich auf Verhalten, sexuelle Orientierung, Gefühle, die gesamte Vorstellungswelt und eben die gesellschaftliche Norm der Heterosexualität.

11 echo Nr. 10, vom 5. März 2008. S. 17-20

12 vgl. u.a. Erziehung und Wissenschaft. Zeitschrift der Bildungsgewerkschaft. 3/2008

13 Foulder der Gleichstellungsstelle Stadt Rosenheim u.a.: Damenwahl. Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag 2008 in Rosenheim.

14 Foulder der Gleichstellungsstelle Stadt Rosenheim u.a.: FrauenLeben hat Gewicht: Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag 2009 in Rosenheim.

15 Internationaler Frauenkampftag 8. März (2004). Verfügbar unter:

http://no-racism.net/article/674/

16 Wikipedia (2008). Queer Studies. Verfügbar unter:

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Queer_Studies&oldid=44102796

17 ebenda