Protestwelle gegen Kernenergie nach Reaktorunfällen in Japan

Über 200 Menschen haben sich gestern (Mo 14.03.11)  spontan auf dem Rosenheimer Max-Josefs-Platz zusammengefunden und den Ausstieg aus der Atomkraft gefordert. Insgesamt haben nach angaben von ausgestrahlt in über 450 Orten bundesweit Mahnwachen stattgefunden, an denen mehr als 110.000 Menschen teilnahmen.

Zu den Mahnwachen hatte erst vor 48 Stunden die Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt aufgerufen. Jochen Stay, Sprecher von .ausgestrahlt: „Noch nie in der Geschichte der Anti-AKW-Bewegung haben an so kurzfristig angesetzten Demonstrationen so viele Menschen teilgenommen. Der massive Zulauf zu den Protesten zeigt, dass die Bundeskanzlerin mit ihrer Moratoriums-Strategie gescheitert ist. Die Bevölkerung nimmt ihr nicht ab, dass sie es in punkto Sicherheit ernst meint. Denn nur ein stillgelegtes AKW ist ein wirklich sicheres AKW. Wir brauchen keine Verschiebung der Laufzeitverlängerung bis nach den Landtagswahlen, sondern einen echten und schnellen Atomausstieg. Wenn dieser nicht konsequent umgesetzt wird, werden die Proteste weiter zunehmen.“ Die infogruppe rosenheim wies in einer Pressemitteilung darauf hin, dass auch in Europa AKWs in potentiellen Erdbeben-Gebieten gebaut wurden, so zum Beispiel der Schrottreaktor im elsässischen Fessenheim. Weiterhin ist wichtig festzuhalten, dass die japanischen Reaktoren nicht aufgrund von Erdbeben und Tsunamis, sondern letztlich wegen der fehlenden Stromversorgung ausser Kontrolle geraten sind. Auch in Nicht-Erdbeben-Gebieten ist die Stromversorgung ein neuralgischer Punkt der nuklearen Sicherheit. „Fukushima zeigt, dass Atomkraft eine Risikotechnologie bleibt. Ausserdem gibt es bis heute noch keine sinnvolle Idee was mit dem hoch radioaktiven, zum Teil noch Millionen Jahre stahlenden Atommüll geschehen soll. Für uns gibt es nur eine logische Konsequenz- abschalten und zwar sofort und überall“ so Michael Kurz, ein Sprecher der infogruppe rosenheim.

Weitere Aktionen sind geplant und werden in kürze bekannt gegeben, .ausgestrahlt ruft für Montag, 21. März, von 18 Uhr bis 18.30 Uhr erneut bundesweit zu Mahnwachen auf.

Wir möchten an dieser Stelle noch auf das Flugblatt „Atomkatastrophe in Japan – Sofortige Stilllegung aller Atomanlagen, in Biblis und weltweit! “ der ökologischen Linken sowie einen indymedia-Bericht zu Aktion hinweisen und dokumentieren die Pressemitteilung „Baden-württembergische Atomaufsicht verheimlichte mehrere Störfälle“ von .ausgestrahlt:

Dienstag, 15. März 2011

Baden-württembergische Atomaufsicht verheimlichte mehrere Störfälle

Mehrmals Ausfall von Kühl- und Sicherheitssystemen im AKW Philippsburg / Landesregierung wollte Laufzeitverlängerung nicht gefährden / Reaktor lief ohne funktionierende Sicherheitssysteme.

Lecks im Sicherheitsbehälter, auslaufendes Beckenwasser, Teilausfall der Kühlung der abgebrannten Brennelemente und tagelanger Ausfall der Notkühlsysteme — die Rede ist nicht vom Katastrophenmeiler Fukushima, sondern vom AKW Philippsburg 2. In dem Reaktor, der zu den neuesten in Deutschland zählt, kam es nach Informationen der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt in den vergangenen zwei Jahren zu mindestens drei sicherheitsrelevanten Störfällen. Alle drei sind in Absprache mit der Aufsichtsbehörde, dem Umweltministerium Baden-Württemberg, bis heute nicht gemeldet worden. Die CDU-geführte Landesregierung vereinbarte vielmehr mit dem AKW-Betreiber EnBW, die Störfälle unter den Teppich zu kehren – offensichtlich, um die Laufzeitverlängerung für die AKW nicht zu gefährden.

Jochen Stay, Sprecher der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt: „Die Beispiele zeigen, dass auch die modernsten Atomkraftwerke (Philippsburg-II ging 1984 ans Netz) nicht sicher sind – weil die Menschen, die dort arbeiten, immer wieder Fehler machen. Wäre in jenen Tagen ein Unfall passiert, hätten die Sicherheitssysteme des Reaktors nicht wie vorgeschrieben zur Verfügung gestanden.

Um die Laufzeiten der AKW zu verlängern, war der schwarz-gelben Landesregierung in Stuttgart offenbar jedes Mittel recht – selbst die Gefährdung der Bevölkerung. Anstatt ihre gesetzliche Aufsichtspflicht wahrzunehmen, deckte sie skandalöse Sicherheitsmängel in Philippsburg und die Inkompetenz des AKW-Betreibers EnBW. Sie verhinderte damit auch, dass andere AKW vor demselben Fehler gewarnt werden konnten. Umweltminsterin Gönner und Ministerpräsident Mappus müssen jetzt erklären, warum ihnen längere Laufzeiten für AKW wichtiger als die Sicherheit der Reaktoren sind.“

Im Einzelnen handelt es sich um folgende Ereignisse:

  • Am 19. Juni 2010 verklemmte sich ein Stopfen in einer Abflussleitung des Brennelementebeckens. Über eine fälschlicherweise offenstehende Armatur flossen 270.000 Liter Reaktorwasser in das Reaktorgebäude. Weitere 10.000 Liter flossen durch Entwässerungsleitungen aus dem Reaktorsicherheitsbehälter hinaus. In der Folge setzte die Kühlung der im Becken lagernden abgebrannten Brennelemente zur Hälfte aus. Bei einem weiteren Abfall des Füllstands im Brennelementebecken um nur 6 Zentimeter wäre die komplette Kühlung der im Becken lagernden Brennelemente ausgefallen.
  • Am 19. Januar 2010 fiel die komplette Kühlung der Systeme zur Notkühlung des Reaktors für drei Tage aus. Bei einem Unfall hätten sich die Notkühlsysteme daher binnen kurzer Zeit überhitzt und wären nicht mehr funktionsfähig gewesen. Damit hätte der Reaktor – wie im Unglücksreaktor Fukushima – nicht mehr gekühlt werden können. Im Falle etwa eines Flugzeugabsturzes oder anderen schweren Unfalls in dieser Zeit wäre eine Kernschmelze in Philippsburg wohl nicht mehr zu verhindern gewesen.
  • Am 12./13. Mai 2009 standen über 12 Stunden hinweg mehrere Armaturen offen, die bei einem Störfall den Austritt von Radioaktivität aus dem Sicherheitsbehälter verhindern sollen. Die Armaturen waren in dieser Zeit nicht mehr ansteuerbar. Der Sicherheitsbehälter hatte damit seine Schutzfunktion verloren; bei einem Störfall wäre Radioaktivität ungehindert ins Freie gelangt.