1000 Kreuze Aufmarsch in Salzburg verhindern

Wir dokumentieren einen Aufruf zu Protesten gegen den 1000-Kreuze-Marsch der reaktionären AbtreibungsgegnerInnen am 24. Juli. Quelle: http://austria.indymedia.org/node/20868:

WIR TREFFEN AUCH DIE ANDERE BACKE!

AUFRUF ZU ANTIKLERIKALEN, ANTIKAPITALISTISCHEN, (PRO)FEMINISTISCHEN INTERVENTIONEN GEGEN DEN 1000-KREUZE-MARSCH AM 24. JULI 2011 IN SALZBURG

 

Die christliche Leidensbereitschaft ist offensichtlich eine bodenlose. Am 9. April wurde das Salzburger Lebenszentrum, der Sitz der reaktionären Organisation von AbtreibungsgegnerInnen HLI (Human Life International)1 von einem roten Farbbeutel getroffen. Die über die ganze Scheibe herunterfließende Farbe wischten die Fundis nicht ab, sondern ließen sie duldsam eintrocknen und präsentierten sie wochenlang wie ein Stigma feministischer Bedrohung auf dem mit frauenfeindlicher Propaganda ausstaffierten Schaufenster. Nur scheinbar gleichmütig ertrugen die AbtreibungsgegnerInnen den Farbbeutelwurf. Ärgerlich für sie: ihre Versicherung zahlt nur bei Glasbruch.

In einem Internet-Video2 schrieben die Fundis die Aktion einer „linksextremen Gruppierung Antifa“ zu, die die Demonstration gegen rechte Gewalt im April zum Anlass genommen hätte, ihnen auch eins auszuwischen.

Tatsächlich haben die Umtriebe von HLI und ihren Verbündeten wie Jugend für das Leben und der Christlichen Partei Österreichs viel mit rechter Gewalt zu tun.

HLI vertritt ein in jeder Hinsicht anti-emanzipatorisches Weltbild. Ihre Praxis ist darauf ausgerichtet, psychische, physische und strukturelle Gewalt gegen Frauen zu fördern und auszuüben. HLI verbreiten z.B. auf ihrer Homepage, dass Frauen, die ungewollt schwanger werden, das Kind unbedingt austragen und gebären müssen. Egal, ob die Frauen sich zu jung dafür fühlen, finanziell nicht in der Lage sind ein Kind zu ernähren, es nicht in ihre Lebensplanung passt oder sie vergewaltigt wurden – laut HLI würden die Frauen mit einem Schwangerschaftsabbruch „schwere Schuld“3 auf sich laden, und der Erzeuger des Kindes solle sie mit Psychotricks4 zu einer Geburt überreden.

Wenn die Fundis kriegen würden, was sie wollen, und sogar die mühsam erstrittene Fristenlösung wieder abgeschafft würde, würden auch hier wieder Frauen an den Folgen illegalisierter, unprofessioneller Abtreibungen sterben. Zynischerweise nennen sich die Fundis “Lebensschützer”.

Hier zeigt sich, dass verschiedene Formen der Gewalt miteinander verwoben sind. Wenn uns Frauen abgesprochen wird, über unseren eigenen Körper zu bestimmen, und wir in einer untergeordneten Geschlechterrolle eingesperrt werden sollen, bedeutet das massive Gewalt gegen unsere Psyche, unseren Körper und die Negation unserer Freiheit als Individuen und als politische Subjekte.

Frauen, die sich zu einem Schwangerschaftsabbruch entschieden haben, und auf dem Weg in eine Klinik sind, wurden und werden von HLI und Co. belästigt und unter Druck gesetzt. In Wien wurde eine Frau von AbtreibungsgegnerInnen in ihrem Zentrum eingesperrt und dazu gezwungen, sich blutige und sachlich falsche Anti-Abtreibungsfilme anzusehen.5

HLI und ähnliche Fundi-Organisationen greifen zu besonders drastischen Mitteln. Sie sind aber nicht die einzigen, die sich gegen die reproduktive Selbstbestimmung von Frauen wenden; Verbündete finden sie bei der ÖVP und anderen rechts-katholischen Kreisen. Ihre frauenfeindliche Ideologie tragen die fundamentalistischen AbtreibungsgegnerInnen von HLI und Euro- Pro-Life immer wieder bei „1000-Kreuze-Märschen“ zur Schau, zum Beispiel in München und Salzburg. Sehen sich die Fundis mit aktionistischer Kritik konfrontiert, wird immer „still ertragen und gebetet.“ Was da als duldsame Größe nach dem Motto „wenn wir geschlagen werden, halten wir auch die andere Backe hin“ verkauft werden soll, erkennen emanzipatorisch denkende Menschen als stummen Starrsinn, als Verweigerung und Unfähigkeit zum Austragen von Konflikten. Als stupides Anflehen einer erfunden allmächtigen HERRschaft.

Bei aller Jenseitsgewandtheit streben die religiösen AbtreibungsgegnerInnen danach, diese Unterwürfigkeit möglichst vielen anderen im realen Leben abzupressen. Wie andere Religionen, z.B. der Gelbmützen-Buddhismus des Dalai Lama6, ist das Christentum von einem tiefen Frauenhass und einem einschränkenden Rollenverständnis geprägt. Das kann in der Bibel nachgelesen werden: „Die Frauen sollen in der Gemeindeversammlung schweigen, es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Wollen sie etwas wissen, so sollen sie daheim ihre Männer fragen.“ (1 Kor 4, 34). „Die Frau wird dadurch gerettet, dass sie Kinder gebiert, und wenn sie im Glauben bleibt. (1 Tim 2, 14f). Die biblischen Vorurteile, „die Frau“ sei eine Versucherin und ungehorsam, hatten und haben zur Folge, dass Frauen und Mädchen stärkerer Kontrolle ausgesetzt sind.7

Kein Wunder, dass sich die reaktionär-christliche Forderung nach Unterwerfung besonders an Frauen richtet. „Die Frau“ soll „dem Mann“ gehorchen, nach seinem Willen Kinder gebären und sich, ohne einen Gedanken an sich selbst, für Mann, Kinder und Kirche aufopfern. Sie soll sich kümmern, kochen, waschen, den Dreck von allen anderen wegräumen – also die gesamte Reproduktionsarbeit übernehmen. Dazu sollen Frauen dieses Aufopfern wider jede Vernunft nicht als Zumutung empfinden, sondern als „natürlich“ annehmen und sich auch noch selig lächelnd daran freuen, dass die eigenen Bedürfnisse, Interessen und Fähigkeiten verneint, verlacht und mit Füßen getreten werden.

Die Übereinstimmung mit der kapitalistischen Aufteilung in Produktionsarbeit und Reproduktionsarbeit ist klar erkennbar.

Der Kapitalismus profitiert wie die christlichen Unterdrückungsphantasien massiv von der Kategorie „Frau und Mutter“. Männer und Frauen sollen in diesem System ohne aufzumucken für den Profit von Kapitalist_innen schuften und auch noch stolz darauf sein, sich in der Lohnarbeit ausbeuten zu lassen. Frauen sollen zusätzlich völlig unbezahlt arbeiten, und sich einreden lassen, sie würden das „aus Liebe“ machen.

Wir Frauen brauchen endlich vollständige reproduktive Freiheit. Dazu notwendig sind ein freier Zugang zu Verhütungsmitteln und die Möglichkeit, Schwangerschaftsabbrüche kostenlos, sicher und medizinisch korrekt durchführen zu lassen. Damit wäre einiges erreicht, aber noch lange nicht alles.

Um sich aus freien Stücken für oder gegen Kinder entscheiden zu können muss die Vorstellung, es wäre „unnatürlich“, wenn eine Frau keine Kinder bekommen möchte, aus den Köpfen verschwinden. Ein Bewusstsein dafür, dass Geschlechterrollen konstruiert und erlernt, und keineswegs „natürlich“ sind, müsste selbstverständlich sein. Um sich frei für oder gegen Kinder zu entscheiden, ist es notwendig, uns als Frauen sicher sein zu können, dass die Gesellschaft es als ihre Verantwortung begreift, Kinder beim Größerwerden zu begleiten, und zwar so, dass es weder den Kindern, noch denen, die sich um sie kümmern, an etwas fehlt. Reproduktive Freiheit hieße, dass sich alle nach ihren Interessen und Fähigkeiten entwickeln können und ihre Energie einsetzen können, wofür sie können und wollen. Die Realität sieht derzeit leider noch anders aus: mit Armut, Selektion, Konkurrenz, Ausbeutung, dem Verkümmern von Fähigkeiten und des Dranges zur Freiheit.

Angesichts derartiger Zustände werden WIR nicht die andere Backe hinhalten.

Wir werden sexualisierte Gewalt, Fremdbestimmung über Körper und Leben, Verletzungen und Tod von Frauen bei unprofessionellen, illegalisierten Schwangerschaftsabbrüchen und andere Scheiße nicht dulden!

 

NIEDER MIT DEM SEXISTISCHEN NORMALZUSTAND UND DEM KAPITALISMUS, FÜR DIE ANARCHIE!

DEN 1000-KREUZE-MARSCH ZUM DESASTER MACHEN!

 

16:15 Ausgabe der Kreuze am Domplatz

18:30 (ca) Ende auf der Staatsbrücke

 

1 Wer ist HLI? http://members.a1.net/inkeri/abtreibung/weristhli.html

2 http://www.gloria.tv/?media=144686

3 http://www.hli.at/content/view/69/105/

4 http://www.gloria.tv/?media=144686

5 http://www.taz.de/?id=archivseite&dig=2004/05/18/a0171

http://www.slp.at/uploads/tx_userproduktquellen/BROSCHUERE_LUCINA_2004.PDF

6 Colin Goldner, Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs. Aschaffenburg: Alibri Verlag, 2005.

7 Stephan Landolt, Geschlechtsunterschiede – Skriptum zur Vorlesung. Salzburg: Facultas, 2009

Die sogenannte “Fristenlösung” stellt Schwangerschaftsabbrüche bis zur 12. Woche straffrei, sie sind aber

nach wie vor nicht legal. Die Regelung wurde am 1. Jänner 1975 nach harten politischen Kämpfen eingeführt.