Kuhjagd als PR-Gag?

Wochenlang hat uns Yvonne alias Bambi aus dem Landkreis Mühldorf in Atem gehalten, wie ihr auch einem Gastbeitrag im August-Infomail entnehmen könnt. Jetzt wurde sie von den „Expert_innen“ und „Tierschützer_innen“ vom Gut Aiderbichl gefangen genommen. Hinsichtlich der Gefangennahme und des verursachten Medienrummels wird jetzt allerdings Kritik an diesem Wirtschaftsbetrieb laut.

„Auf Gut Aiderbichl darf sie, ohne einen Nutzen zu bringen, bis an ihr Ende leben,“ wird Aiderbichl-Gründer Michael Aufhauser zitiert. Das ist allerdings gelogen, denn für das Gut hat Yvonne einen außerordentlich großen Nutzen gebracht: Für den läppischen Preis von 600€ erworben, generierte sie wochenlang Schlagzeilen für das Unternehmen, das nach Angaben von RP Online 4,5 Millionen Jahresumsatz einfährt. Dieser Tage möchte es gleich mit dem nächsten Highlight groß rauskommen, für das Aufhauser die volle öffentliche Aufmerksamkeit erwartet: Ein Freigehege für Schimpansen, die dem Test-Labor eines Pharma-Unternehmens abgekauft wurden. Von „Befreiung“ oder „Freiheit“ soll in diesem Zusammenhang explizit nicht gesprochen werden.

Auch Yvonne wurde wohl wie ein Stück Ware wochenlang hergetrieben und am Ende verladen. RP-Online dazu:

Doch der Plan, die Betäubte in den Viehtransporter zu hieven, scheitert. Die Wiese ist für den Traktor zu matschig. Das freiheitsliebende Rindvieh muss selbst auf den Anhänger laufen. Yvonne wird also mit einem Gegenmittel aus der Betäubung geholt, die Tierschützer vom Gut Aiderbichl fixieren sie. Seile werden um alle vier Hufe gebunden, ein Halfter und eine Augenbinde angelegt.

Yvonne erwacht wieder, muht laut, tritt um sich, springt mit allen Vieren in die Höhe. Erst mit Hilfe des Traktors gelingt es, sie in den Transporter zu ziehen. „Wir sind absolut froh über dieses ganz gute Ende“, sagt später die Sprecherin des Gutes Aiderbichl. Dass Yvonne fixiert werden musste, nennt sie ein normales Vorgehen.

„Die das gemacht haben, haben keine Ahnung, wie man eine Kuh verlädt. Was dort getan wurde, ist grenzwertig“, meint hingegen Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer Rheinland, der nach eigener Aussage selbst schon „bestimmt 100 Kühe, Rinder oder Kälber auf einen Transporter getrieben hat“.

Auch Jörg Hartung, Professor am Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover, beurteilt die Aktion der Aiderbichler kritisch. Der Rummel habe Yvonne „völlig kopfscheu“ gemacht. „Das hätte man viel besser machen können.“ Weniger Menschen, vor allem keine Fotografen und Kamerateams, hätten für Yvonne weniger Stress bedeutet.

Nicht nur die dramatische Einfang-Aktion erregt Kritik. Für Jörg Hartung ist es unvorstellbar, dass es nicht früher möglich gewesen sein soll, Yvonne zu fangen. Der Institutsleiter vermutet: „Da hat der Werbeeffekt eine große Rolle gespielt.“ Ähnlich schätzt Bernhard Rüb das Sommertheater um Yvonne ein. „Die vom Gut Aiderbichl haben viel PR für sich gemacht, anstatt das Problem zu lösen“, meint er.

Ein Verdacht, der nicht zum ersten Mal laut wird. Nachdem Yvonne Ende Mai ihrem Schlachter ausgebüxt war, hatte sich anfangs kaum einer für ihr Schicksal interessiert. Erst als die Tierschützer vom Gut Aiderbichl Yvonnes Rettung zu ihrer Herzenssache machten, sorgte sie für Schlagzeilen – weltweit. Tag für Tag setzten die „Aiderbichler“ neue, teils skurrile Ideen in die Tat um, um die Flüchtige aufzustöbern: Yvonne sollte in eine Fressfalle tappen, ein Ochse sollte sie anlocken, dann ihre Schwester Waltraud, dann ihr Sohn Friesi. Die Tierschützer baten gar eine Schweizerin, die von sich sagt, sie könne Kontakt zu Tieren aufnehmen, um Hilfe.