Rosenheim Cops in Aktion

Die Süddeutsche Zeitung berichtet kritisch über die Rosenheim Cops und ihre Methoden: Zivilbeamte dringen in ein Haus ein und finden einen Verdächtigen nicht; nachdem eine Frau sie nicht in ihre Wohnung lassen möchte, eskalieren die Rosenheim Cops und verprügeln eine ganze Familie. Die Familie wird wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte angezeigt, die Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung im Amt von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Das Besondere: einer der Betroffenen ist pesionierter Polizist.

„Mir zieht’s alles zusammen, wenn ich einen Polizisten sehe, zitiert ihn die Süddeutsche. In Rosenheim braucht sich kein Bulle wundern, warum sie in der Bevölkerung verhasst sind. Wir dokumentieren den Artikel vom 16.09. in Teilen:

Josef E., 66, und seine Frau Aloisia, 62, sind Eigentümer eines Mietshauses mit 14 Wohneinheiten in Pfaffenhofen, ein paar Kilometer nördlich von Rosenheim. Im Erdgeschoss lebt ihre Tochter Sandra B. mit ihrem Ehemann Toni, einem promovierten Biologen, und dem dreijährigen Sohn. Das Ehepaar E. wohnt im zweiten Stock. Dort sitzt die Familie jetzt um den großen Esstisch, und sie erzählen, was sie an jenem Tag erlebt haben.

Das ist nicht ganz leicht, denn seelisch haben sie das nicht verkraftet. Tochter Sandra kann kaum einen Satz sagen, ohne in Tränen auszubrechen, und auch ihr Vater muss immer wieder minutenlang um Fassung ringen. „So was“, sagt er, „kannst du einfach nicht fassen. Wenn’s nur einen Funken Gerechtigkeit gibt, dann müssen die beiden aus dem Dienst.“

„Die beiden“ sind der Polizeihauptmeister K. und der Polizeiobermeister T., beide von der Polizeiinspektion Rosenheim. Sie sollten an jenem 15. November im Auftrag des Amtsgerichts Rosenheim einen Mann, der im Anwesen von Josef E. wohnhaft gemeldet war, zu einer psychiatrischen Untersuchung vorführen. Aber der Name des Gesuchten stand nicht auf dem Klingelschild, deshalb läuteten die beiden Beamten bei anderen Mietern, um Erkundigungen einzuziehen. „Als es geklingelt hat, hab‘ ich durch den Türspion geschaut“, sagt Sandra B.. „Ich hab‘ zwei Männer gesehen, die mit der Nachbarin reden.“

Sie öffnete die Tür, und einer der Männer sprach sie an: „Kennen Sie den F.?“ „Ja“, sagte Sandra B., aber der wohne nicht mehr hier, der sei vor kurzem ausgezogen. „Natürlich erschrickt man“, sagt Sandra B., „die trugen ja Zivil, das waren große Kerle, und die sind gleich ganz dicht aufgerückt. Ich hätte nie gedacht, dass die von der Polizei sind, so aggressiv wie die aufgetreten sind.“ Die beiden hätten sich auch nicht vorgestellt, sondern in barschem Ton immer weitergefragt: Wann der F. ausgezogen sei, und wo er gewohnt habe, „und dann sagte der eine, ich wüsste wohl mehr, als ich zugeben wolle, und das könne schlimm für mich ausgehen, und ich sollte mich ausweisen“.

Da wollte Sandra B. aber erst die Ausweise der Männer sehen. Sie musste mehrmals nachhaken, bis ihr die Ausweise so entgegengehalten wurden, dass sie sie auch lesen konnte. Schließlich wollte Sandra B. dann ihren Ausweis aus der Wohnung holen, aber sie wollte die Tür nicht offen lassen. „Ich wollte nicht, dass die in die Wohnung kommen“, sagt sie. „Da hat der eine einfach seinen Fuß in die Tür gestellt.“

Gleichzeitig kamen drei uniformierte Polizisten in den dunklen, engen Hausflur gestürmt – die Besatzung eines Streifenwagens, den die Zivilbeamten offensichtlich schon vorher zur Unterstützung angefordert hatten. Das war der Augenblick, in dem Sandras Ehemann Toni dazukam. „Ich hatte die aggressiven Männerstimmen gehört, und wie ich dazukomme, steht der eine schräg in der Tür, und sie schreien meine Frau an“, sagt Toni B. „Ich sage: ,Was ist hier los‘, und da schreit der eine mich an: ,In welchem Verhältnis steht Ihre Frau zu dem F., dass sie ihn deckt?'“ – „Wie kommen Sie auf so was“, erwiderte Anton B., und forderte den Mann auf, seinen Fuß aus der Tür zu nehmen. „Da packt mich der eine am Hals, und der andere gibt mir einen Schwinger in den Magen.“

Sandra B. kommt mit den Ausweisen aus der Wohnung, sie beobachtet die Attacke auf ihren Mann, sie schreit: „Was soll das“, und nimmt sich einen Schreibblock und einen Stift – sie will sich die Namen der Männer aufschreiben. „Da zieht mich der eine Zivilist in den Flur, und dann haben sie mich links und rechts festgehalten. Zu viert standen sie um mich rum, und einer nach dem anderen hat zugeschlagen“, berichtet Sandra B. Der zweite Zivilbeamte hat inzwischen Toni B. in den Schwitzkasten genommen. „Ich konnte gar nichts mehr machen“, sagt er, „ich hab‘ immer nur auf die eingeredet, sie sollen aufhören.“ Mit vereinten Kräften ringen vier Polizisten die zierliche Sandra B. zu Boden und legen ihr Handfesseln an. „Einer“, sagt sie, „hat mir das Knie so fest auf den Hals gedrückt, dass ich kaum noch Luft gekriegt habe.“

Josef E. und seine Frau Aloisia waren währenddessen im Keller und hatten nichts mitbekommen. Als sie nach oben in ihre Wohnung gehen wollten, hörten sie aufgeregtes Geschrei im Hausflur im Erdgeschoss und wollten nach dem Rechten sehen. Josef E. sieht seine Tochter und seinen Schwiegersohn, umringt von Polizisten. „Ich rief: ,Was ist da los, kann ich helfen'“, erzählt Josef E., der frühere Polizist. „Einer schreit mich an: ,Verschwinden Sie, Sie haben hier nichts verloren.'“ Aber Josef E. findet, er habe hier schon etwas verloren. „Ich bin der Hausbesitzer, und das da vorn ist meine Tochter“, sagt er. „Da baut sich der eine in Zivil vor mir auf, springt mich ohne ein Wort an und nimmt mich in den Schwitzkasten, aber mit so einer Gewalt, ich hab‘ gemeint, der bricht mir das Genick.“

Dann, sagt Josef E., sei ihm „der Kopf explodiert“ – der Mann müsse ihn wohl mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen haben, und er wird für einige Augenblicke ohnmächtig. Als er wieder zu sich kommt, ruft er seiner Frau zu: „Hol den Fotoapparat.“ „Dann“, sagt Josef E., „hat der wieder zugedrückt, und ich bin wieder ohnmächtig geworden. Als ich wieder aufgewacht bin, lag ich am Boden, und der Polizist reißt mich am Arm, dass ich vor Schmerzen fast verrückt geworden bin, und dann setzt er mir das Knie auf den Hals, mit voller Wucht. Da hab‘ ich mit dem Leben abgeschlossen, so weh hat das getan.“ Josef E. wird gefesselt.

Inzwischen sind weitere vier Streifenbeamte eingetroffen, dazu ein Hundeführer – insgesamt beschäftigen sich jetzt zehn Polizisten mit der Familie. Frau E. hat inzwischen die Kamera geholt und ein paar Fotos gemacht. Einer der Uniformierten entreißt ihr den Apparat und löscht die Bilder – sie können allerdings später wieder hergestellt werden. „Einer springt mich an und wirft mich zu Boden“, berichtete Aloisia E., „und die Blonde“ – unter den Streifenbeamten war auch eine Frau – „schlägt mich in die Nieren. Dann weiß ich nichts mehr“. Die anderen berichten, dass Aloisia E. anfing zu schreien und nicht mehr aufhörte zu schreien, so lange bis ein Krankenwagen kam.

[..] In der Notaufnahme des Klinikums Rosenheim wurden unter anderem diagnostiziert: Bei Sandra B.: „Stumpfes Bauchtrauma, Distorsion linker Daumen, Distorsion rechtes Handgelenk“. Bei Toni B.: „Stumpfes Bauchtrauma“. Bei Josef E.: „Schürfwunde rechter Ellenbogen, Schürfwunde rechtes Knie, Schädelprellung mit Prellmarken Stirn und linke Wange“. Bei Aloisia B.: „Knieprellung beidseits, Schädelprellung, stumpfes Bauchtrauma“.

Man kann ohne Einschränkung sagen, dass sich die Gemüter in den Familien E. und B. bis heute nicht beruhigt haben, insbesondere angesichts des Umstands, dass die Staatsanwaltschaft Traunstein nun gegen Josef und Aloisia E. sowie Sandra und Anton B. Anklage wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte erhoben hat. Das Ermittlungsverfahren gegen die zehn beteiligten Polizeibeamten wegen Körperverletzung im Amt hat die Staatsanwaltschaft hingegen vorläufig eingestellt. Auskunft über ihre Beweggründe für dieses Vorgehen erteilt die Staatsanwaltschaft Traunstein nicht.