Lesung: Bayerische Enziane im Z

Am Sonntag, den 13. November findet im „Z – linkes Zentrum in Selbstverwaltung“ (Innstr. 45a, ehem. Buchhandlung Irrlicht) eine Lesung von und mit Egon Günther statt. Egon Günther liest aus Bayerische Enziane. Ein Heimatbuch (Edition Nautilus) und stellt die im BasisDruck Verlag erscheinende Autobiographie von Hilde Kramer vor: Rebellin in München, Moskau und Berlin. 1900-1924.

Bayern hat auch eine freiheitliche Tradition, die gegen provinzielle Enge und verkitschte Trachtenrührseligkeit steht. In Bayerische Enziane schreibt Egon Günther über das Liegengelassene, er bringt das Verdrängte ans Tageslicht. Das Vergessene, aus dem Blick Geratene, wird zu neuem Leben erweckt: Wilderer, Spartakisten, Wessobrunner Bauhandwerker, Grenzgänger, Revolutionäre der Bayerischen Räterepublik, Literaten, Alpinisten, Maler, Einödbauern und Antifaschisten. Egon Günther beschreibt den Penzberger Aufstand 1945, die Rebellen aus Kolbermoor, den Oberländer Bauernaufstand und die Sendlinger Mordweihnacht. Er spürt Verbindungslinien und wundersame Zusammenhänge auf. Die Sehnsucht nach Freiheit und Autonomie, der Kampf für soziale Existenz und moralische Integrität bilden das Garn, aus dem die Geschichte von unten gewoben ist. Bei seiner Wanderung durch die Zeitläufe legt der Autor eine Kultur frei, in der ein rebellisches Selbstbewusstsein wider jegliche Obrigkeit entstanden ist, und das, durch alle Verwandlungen hindurch, bis heute wirkt – nicht nur in Bayern.

Bei der Lesung in Rosenheim wird Egon Günther auch die im November erscheinende Autobiografie von Hilde Kramer vorstellen. Dieses Werk umfasst die Jahre 1900 bis 1924, es schildert ihre Kindheit u. a. bei reformpädagogisch orientierten Stiefeltern am Ammersee bis in die revolutionsschwangere Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Hilde Kramer gehörte als 18-Jährige zum innersten Kreis der Akteure in den Münchener Revolutionsjahren 1918/1919. Oskar Maria Graf nannte sie das “hünenhafte Mädchen mit dem Tituskopf”. Sie nimmt von Anfang an teil an den Münchener revolutionären Ereignissen, arbeitet später als Sekretärin unmittelbar in der Räteregierung Leviné mit, wird als Verbindungsfrau im Januar 1919 nach Berlin geschickt, wo sie an Beratungen mit Liebknecht, Jogiches und Luxemburg teilnahm. Sie erlebt Höhepunkte wie Niederlagen der Revolution aus nächster Nähe, lernt deren Protagonisten Johann Knief, Lotte Kornfeld, die Mühsams, Pol Michels, Franz Pfemfert, Borodin u. v. a. kennen. Längeren Gefängnisstrafen entgeht sie durch ihre Nichtvolljährigkeit und die Sympathie, die ihr offener Charakter auf vielen Seiten des politischen Spektrums hervorruft. Schließlich wird sie als Stenographin 1920 für den zweiten Kongress der Kommunistischen Internationale angefordert, wo sie mit einer einzigen russischen Kollegin sämtliche Debatten der vierwöchigen Beratungen aufzeichnen muss. Es ist zugleich das Dokument eines selbstbestimmten Frauenlebens, dessen Wurzeln noch im wilhelminischen Deutschland liegen und dessen Radikalität in der Weimarer Republik nachhaltig beeindruckt. Hilde Kramer ist 1974 in England gestorben.

Die Lesung ist eine Veranstaltung der infogruppe rosenheim in Kooperation mit dem Kurt Eisner Verein – Rosa Luxemburg Stiftung Bayern. Der Eintritt zu der Veranstaltung, welche um 19:00 Uhr beginnt, ist frei. Das Z hat bereits ab 18:00 Uhr geöffnet.