Am Donnerstag ist Bildungsstreik

Am kommenden Donnerstag (17.11.11) sind alle SchülerInnen, Studierenden und alle anderen die für ein faires und kostenloses Bildungssystem eintreten, aufgerufen, den Unterricht zu verweigern und sich am Bildungsstreik zu beteiligen. In Rosenheim mobilisiert die bildungpolitische Gruppe  zu einem Zugtreffpunkt um 8:00 Uhr am Bahnhof Rosenheim (Auftakt in München ist ab 09:30 Uhr am Geschwister-Scholl-Platz). Wir dokumentieren an dieser Stelle den Bildungsstreik Aufruf „Widerstand Bilden!“:

 

Widerstand Bilden!

Bildungsstreik in München, Europa und weltweit!

Aufruf zum Münchner Bildungsstreik am 17.11.2011
ab 09:30 Uhr am Geschwister-Scholl-Platz
http://www.bildungsstreik-muenchen.de

Auf der ganzen Welt gehen Jugendliche auf die Straße, um gegen ungerechte Verhältnisse und für Chancengleichheit im Bildungssystem zu protestieren.
Wir, das Bildungsstreik-Bündnis München, verstehen uns als Teil dieser globalen Bewegung für mehr Bildungsgerechtigkeit, denn auch wir wollen nicht länger in einem maroden und ungerechten Bildungssystem leben. Wir bilden Widerstand und fordern:
1. Abschaffung aller Bildungsgebühren – kostenfreie Bildung für alle!

Unser Bildungssystem ist äußerst sozial selektiv. Bildungsgebühren verstärken die Selektion. Ob Studiengebühren, Klassenfahrten, Nachhilfe, Kopier-, Bücher- oder Essensgeld: Bildung ist so teuer, dass sich trotz Ausnahmeregelungen viele Menschen unser Bildungssystem nicht leisten können. Studierende müssen zusätzlich arbeiten, weil sie ihr Studium sonst nicht bezahlen können. Kinder und Jugendliche aus weniger wohlhabenden Familien haben geringere Chancen als Kinder aus Akademikerfamilien, einen akademischen Abschluss zu erlangen. Wo das Geld fehlt, fehlen Förderungen und Hilfestellungen. Ein Teufelskreis, dem nur wenige entkommen können.
Bildung ist ein Menschenrecht, daher fordern wir kostenfreie Bildung für alle!

2. Studien- und Ausbildungsplätze für alle!

Jeder Mensch hat das Recht, selbstbestimmt und lebenslang lernen zu können. Das sollte die Grundlage eines funktionierenden Bildungssystems sein. Im Moment können jedoch viele junge Menschen ihre Lehrstelle oder ihr Studium nicht frei wählen, da ein drastischer Mangel an Ausbildungs- und Studienplätzen herrscht. Beim Wettbewerb um die begehrten Plätze wird nach fragwürdigen Kriterien aussortiert, sodass vielen Schulabsolvent*innen Chancen für die Zukunft verbaut werden.
Wir fordern genügend Studien- und Ausbildungsplätze für alle!

3. Demokratie statt Repression – Demokratisierung aller Bildungseinrichtungen und Lebensbereiche!

Alle Schüler*innen und Studierende sollen das Recht haben, an ihren Schulen und Hochschulen demokratisch mitzubestimmen. Genau das ist meistens nicht der Fall. Schüler*innen und Studierende haben im Allgemeinen keine oder nur sehr wenig Möglichkeiten, die wichtigen Entscheidungen zu beeinflussen. Dies widerspricht unserem Grundverständnis einer demokratischen Gesellschaft.

Deshalb fordern wir die Verfasste Studierendenschaft, die es in jedem Bundesland außer in Bayern bereits gibt. Wir fordern, dass alle Gremien an den Hochschulen viertelparitätisch mit Vertretern der Professor*innenenschaft, wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Mitarbeiter*innen und Studierenden besetzt werden.
In Schulen kann das Direktorat bisher alle wesentlichen Entscheidungen alleine treffen. Aber auch Schüler*innen sollten das Recht bekommen, Vertretungsstrukturen aufzubauen, die Mitsprache ermöglichen. Grundsätzlich fordern wir auch hier eine paritätische Besetzung aller entscheidenden Gremien: Lehrer*innen, Schüler*innen, Verwaltung und Eltern sollen die Belange der Schule entscheiden. Wir fordern ein Streikrecht für Schüler*innen und Lehrer*innen!

4. Genügend bezahlbarer, naheliegender Wohnraum für Auszubildende, Studierende und Schüler*innen!

Eine Wohnung zu haben, in der man sich wohlfühlen kann, ist eine wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Ausbildung bzw. ein produktives Studium. Das ist so elementar, dass es leider oft vergessen wird. Gerade in München gibt es zu wenig bezahlbaren Wohnraum für junge Menschen. Wohnungen, WG-Zimmer und Wohnheimplätze sind rar und werden immer teurer. Bei der Suche nach Wohnraum stehen Auszubildende, Studierende und Schüler*innen in Konkurrenz zu zahlungskräftigeren Bewerber*innen. Die teils monatelange Suche kostet viel Kraft und Zeit, sodass die Bildung darunter leidet. Wir fordern bezahlbaren Wohnraum für Auszubildende, Schüler*innen und Studierende, der in der Nähe der Bildungsstätte liegt.

5. Geschlechtergerechtigkeit in allen Bildungseinrichtungen!

Mädchen und Jungen werden schon lange gemeinsam unterrichtet. Alle Berufe stehen Männern und Frauen gleichermaßen offen. Theoretisch dürfte es in unserem Bildungssystem keine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts geben. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus: Männer verdienen im Schnitt fast 23% mehr als Frauen, es gibt immer noch viel mehr Professoren als Professorinnen. In Bayern beträgt der Anteil der weiblichen Professoren gerade einmal 14,5%, während sogar im Iran knapp 20% der Professuren mit Frauen besetzt sind.
An KiTas und Grundschulen dominieren weibliche Betreuerinnen bzw. Lehrerinnen; Männer, die diese Berufe ergreifen, werden mit zahlreichen Vorurteilen konfrontiert.
Das muss sich ändern! Weder aufgrund des Geschlechts noch der sexuellen Orientierung darf Diskriminierung stattfinden! Wir fordern Geschlechtergerechtigkeit in allen gesellschaftlichen Bereichen! Gleiche Arbeit soll mit gleichem Lohn vergütet werden!

6. Geld für Bildung statt für Militär, Banken und Konzerne!

Obwohl Deutschland eine der größten Volkswirtschaften weltweit ist, liegen unsere Investitionen in Bildung weit unter dem OECD-Durchschnitt. Während der Bund Milliarden in Banken und Konzerne pumpt, werden nicht einmal 5% des Bruttoinlandsprodukts für die Ausbildung junger Menschen ausgegeben. So eine Praxis wird weltweit infrage gestellt, wie bereits aus den massiven Protesten gegen das Finanzsystem ersichtlich ist.
Unsere Bildung ist massiv unterfinanziert. Marode Schulgebäude, über 30 Schüler*innen in einer Klasse, Material- und Lehrer*innenmangel – es fehlt an allen Ecken und Enden an finanziellen Mitteln. Auch an den Universitäten sieht es nicht viel besser aus: es werden Millionen in Forschungsprojekte investiert, doch die Lehre wird dabei sträflich vernachlässigt.
Bildung ist gelebte Menschenwürde! Wir fordern daher die Ausfinanzierung des Bildungssystems durch den Staat! Drittmittel sind keine Lösung!

7. Gegen die Militarisierung von Bildungseinrichtungen – für die Zivilklausel, Kooperationsvereinbarungen kippen!

Wir wollen in einer friedlichen Welt leben. Dass Frieden eine Grundlage für ein glückliches Zusammenleben aller Menschen ist, lernen wir auch in der Schule. Im Widerspruch dazu steht die häufige Präsenz der Bundeswehr an Schulen. Wir treten jeder Werbe- und Anwerbeaktion der Bundeswehr und anderer kriegerischer Institutionen entschieden entgegen. Wissen darf nur für friedliche Zwecke eingesetzt werden. Wissensvermittlung darf nicht zur Hetze und Legitimation militaristischer Politik missbraucht werden. Alle Kooperationsverträge zwischen der deutschen Armee und dem Kultusministerium bzw. den Hochschulen müssen gekündigt werden! Bundeswehr raus aus Schulen, Jobcentern und allen anderen Bildungseinrichtungen! Wir fordern die Zivilklausel als Garant für ausschließlich zivile Forschung an Hochschulen!

8. Weg mit dem mehrgliedrigen Schulsystem – eine inklusive Schule für alle!

Unser Bildungssystem beruht ursprünglich auf der Annahme, dass man die Menschen gemäß all ihrer Fähigkeiten fördern muss. Doch die frühe Aufteilung auf mehrere Schulformen fördert die soziale Selektion. Überproportional viele Schüler*innen aus einkommensschwachen Familien werden unabhängig von ihrer Begabung auf Hauptschulen geschickt.
Gerade Kinder mit Migrationshintergrund dürfen nicht diskriminiert werden und zurückbleiben, sondern haben ein Recht auf entsprechende Unterstützung. Kinder mit körperlichen und geistigen Einschränkungen (sog. „Behinderte“) dürfen nicht auf Sonderschulen abgeschoben werden. Wir fordern eine inklusive und integrative Schule für alle, die es allen Schüler*innen ermöglicht, ihr volles Potential auszuschöpfen. Den etablierten Begabungsbegriff lehnen wir ab.

9. Kleinere Kurse und Klassen – mehr Lehrer*innen für alle Bildungseinrichtungen!

In einer Klasse von 30 Schüler*innen und mehr ist individuelle Förderung nicht mehr möglich. Mit Prüfungsdruck und Stoffüberlastung sind viele Kinder und Jugendliche überfordert. Im Moment können Lehrer*innen nicht einzeln auf Schüler*innen eingehen, weil auch sie aufgrund des Lehrer*innenmangels überfordert sind. Das erschwert das Lernen und Lehren. Dabei sollte beides doch Spaß machen! Darum fordern wir mehr Lehrer*innen und maximal 20 Schüler*innen in einer Klasse oder in einem Kurs.

10. Mehr Wahlfreiheit, weniger Prüfungsdruck – für eine Reform des G8!

Wir werden in ein System gepresst, in dem wir fast keine Wahl haben, das zu lernen, was uns wirklich interessiert. Die meisten Entscheidungen werden uns abgenommen. Der Lehrplan ist überladen und der Spaß beim Lernen bleibt auf der Strecke. Wir fordern weniger Prüfungsdruck, um die Lage zu entspannen. Schüler sollen selbst bestimmen können, was sie auf der Basis einer gewissen Allgemeinbildung lernen. Es motiviert, individuelle Lernschwerpunkte setzen zu können.
Wir lehnen die Ausrichtung der Schule nach wirtschaftlichen Verwertungskriterien ab und fordern daher die Reform des G8 in Richtung einer Schule für alle.

11. Kostenlose Mahlzeiten und kostenlose Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs an allen und für alle KiTas, Schulen und Hochschulen!

Neben den reinen Bildungskosten fallen hohe Nebenkosten, vor allem für die Fahrt zum Ausbildungsort und für Verpflegung an. In anderen Bundesländern werden die Kosten vom Staat übernommen, in Bayern nicht. Studierende und Schüler*innen aus dem Münchner Umland zahlen über 100 Euro für ihre Monatskarte! Das kann sich nicht jeder leisten. An Schulen gibt es immer mehr Nachmittagsunterricht, weshalb alle Schüler*innen mit einem gesunden, warmen Mittagessen versorgt werden sollten. Wir fordern kostenlose Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel und kostenfreie Mahlzeiten an Schulen, Hochschulen und KiTas!

12. Flächendeckende, kostenfreie Ganztagsschulversorgung!

Individuelle Förderung und Chancengleichheit sind Grundlagen guter Bildung. Wir fordern für alle zugängliche und gut erreichbare Ganztagsschulen, um allen Schüler*innen das gleiche Bildungsangebot zu bieten. Ganztagsschulen können verhindern, dass Schüler*innen ständigem Zeitdruck ausgesetzt sind und stundenlang ohne Pause durcharbeiten müssen. Damit wäre auch sichergestellt, dass die schlechte Schulsituation nicht mit teurer Nachhilfe ausgeglichen werden muss. Deswegen fordern wir eine flächendeckende, kostenfreie Ganztagsschulversorgung!

13. Adäquate pädagogische Ausbildung von Lehrer*innen!

Lehrer*innen erhalten keine ausreichende pädagogische Ausbildung, bevor sie an Schulen unterrichten dürfen. An der daraus resultierenden Überforderung leiden sowohl Lehrer*innen als auch Schüler*innen. Die Pädagogik sollte eines der Hauptthemen jedes Lehramtstudiums sein. Adäquate pädagogische Ausbildung von Lehrer*innen ist eine Voraussetzung für gute Bildung!

14. Gesetzliche Umlagefinanzierung – wer nicht ausbildet, muss zahlen!

Betriebe, die nicht ausbilden, müssen über eine Umlagefinanzierung in die gesellschaftliche Verantwortung genommen werden, damit ausreichend gute Ausbildungsplätze für alle Bewerber*innen geschaffen werden können. Warteschleifen im Übergangssystem zwischen Schule und Ausbildung müssen durch vollwertige überbetriebliche Ausbildungsplätze ersetzt werden. Das würde die Zahl an Ausbildungsplätzen vergrößern und somit allen Jugendlichen das Recht auf gute Ausbildung gewährleisten. Auszubildende dürfen nicht als Billigarbeitskräfte missbraucht werden. Wir wollen Ausbildung statt Ausbeutung! Wer nicht ausbildet, muss zahlen!

15. Garantierte Übernahme nach der Ausbildung!

Wer eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hat, findet trotzdem häufig keine Arbeit, lediglich Leiharbeit oder verbringt Jahre in unbezahlten Praktika. Besonders im Bildungsbereich sind Zeitverträge die Regel. Wenn man aber nach einer langen Ausbildung nicht genommen wird, ist das demotivierend für das ganze Leben. Abrackern für nichts – damit muss Schluss sein! Deswegen fordern wir eine garantierte Übernahme nach der Ausbildung!
Wenn wir nicht genug Arbeitsplätze für alle, die wir ausbilden, haben, müssen wir die zur Verfügung stehende Arbeit durch Arbeitszeitverkürzung auf alle verteilen. Dabei darf es nicht zu Lohnkürzungen kommen. Wir fordern ein Recht auf gute Arbeit für alle.

16. Zulassungs- und Zugangsbeschränkungen abschaffen – auch für Masterstudiengänge!

Bildung muss allen zugänglich sein. Unter anderem aufgrund der Unterfinanzierung der Hochschulen gibt es harte Zulassungs- und Zugangsbeschränkungen, weshalb Studierende oft keine Möglichkeit haben, nach ihrem Bachelor einen anschließenden Masterabschluss zu machen – und das, obwohl in vielen Fächern der Bachelor-Abschluss nicht als qualifizierender Berufsabschluss gelten kann. Somit wird die durchschnittliche Qualifikation der Studienabgänger konsequent gesenkt und die persönlichen Entwicklungschancen stark beeinträchtigt.
Der Numerus Clausus und alle weiteren Zugangsbeschränkungen erschweren Bildungsinteressierten das Leben. Das muss geändert werden! Wir fordern freie Bildung ohne Zugangsbeschränkungen!

Für diese Forderungen werden wir am 17. November 2011 auf die Straße gehen!

Wir sind ein Bündnis von Schüler*innen, Auszubildenden, Studierenden, Lehrer*innen, Erzieher* Innen, Dozent*innen und Eltern. Gemeinsam mit allen Interessierten werden wir für bessere Bildung demonstrieren!
Mit einer bunten, starken und großen Demonstration werden wir zeigen, dass es jetzt Zeit ist für ein neues und gerechtes Bildungssystem!

Überlegt euch kreative Aktionen, um auf die Problematik aufmerksam zu machen und euch gegen die derzeitigen Verhältnisse zu wehren.

Macht mit, kommt zur Großdemonstration am 17. November 2011! Die Veranstaltung beginnt um 09:30 Uhr auf dem Geschwister-Scholl-Platz vor der Universität mit einer Kundgebung, anschließend beginnt um 10:00 Uhr ein Demonstrationszug zum Odeonsplatz.