„Die Erfindung der Nation“

Am Sonntag, 01. Juli zeigt die infogruppe rosenheim ab 19 Uhr den Kurzfilm “Die Nacht der lebenden Idioten” und Ausschnitte aus den schönsten Niederlagen der deutschen Nationalmannschaft im Z, dem Linken Zentrum in Selbstverwaltung (Innstr45a). Alleine die Ankündigung dieser antinationalen Veranstaltung hat in der Lokalpresse (von Rosenheim24 bis zu Radio Charivari) für Diskussion gesorgt. Nun können wir das Event mit einem kurzen Satirepart (frei nach der Titanic ) „Rosenheim24 Leser_innen beschimpfen die infogruppe“ ergänzen und auch ein Brief der Jungen Union wird für Heiterkeit (Schweinstiger – halb Schein – halb Tiger ???) sorgen. Dieser zum Teil aggressive deutsch-nationale Taumel welcher sich bei der EM zeigt ist eine der Folgen eines folgenreichen Konzeptes, dem Konzept der „Erfindung der Nation“. Das Buch mit diesem Titel möchten wir im folgenden rezensieren.
„Die Erfindung der Nation“ von Benedic Anderson ist ein  sozialwissenschaftlicher Bestseller geworden. Das zum ersten mal 1983 erschienene Buch (Titel der englische Orginalausgabe: „Imagined Communities“) wurde in mindestens zwölf Sprachen übersetzt und ist laut dem Social Sciences Citation Index eines der meist zitiertesten sozialwissenschaftlichen Werke überhaupt, das  schreibt zumindest Thomas Mergele in seinem Nachwort zur deutschsprachigen Neuauflage im Jahre 2005. Die nationalistische EM Taumel dürfte für Anderson jedoch nicht die Inspirationsquelle für sein Buch gewesen sein, sondern vielmehr die Kriege zwischen kommunistischen Staaten Ende der 1970er Jahre in Indochina.
Bereits in der Einleitung definiert er Nation als eine „vorgestellte politische Gemeinschaft – vorgestellt als begrenzt und souverän.“ (S.15).  Vorgestellt ist sie, „weil die Mitglieder selbst der kleinsten Nation die meisten anderen niemals kennen […] aber im Kopf eines jeden die Vorstellung ihrer Gemeinschaft existiert“ (S.15). Begrenzt, da „selbst die größte von ihnen […] in genau bestimmten, wenn auch variablen Grenzen lebt, jenseits derer andere Nationen liegen. Keine Nation setzt sich mit der Menschheit gleich“ (S.16). Souverän ist die Nation, „weil ihr Begriff in einer Zeit geboren wurde, als Aufklärung und Revolution die Legitimität der als von Gottes Gnaden gedachten hierarchischdynastischen Reiche zerstörten“ (S.16f.). Ein Gemeinschaft ist sie „weil sie, unabhängig von realer Ungleichheit und Ausbeutung, als ‚kameradschaftlicher‘ Verbund von Gleichen verstanden wird“ (S. 17).
Ebenfalls im Vorwort zeigt er, dass die politischen Macht des Nationalismus  „seine philosophische Armut oder gar Widersprüchlichkeit gegenüber [steht]. Mit anderen Worten:  Anders als andere Ismen hat der Nationalismus nie große Denker hervorgebracht – keinen Hobbes, keinen Marx und keinen Weber“ (S.15). An diesen Beispielen zeigt sich bereits die Problematik des deutschen Titels, „Erfindung der Nation“, denn nach  der hier vertretenen Lesart hält Anderson die Nation nicht für eine „Erfindung“ eines Theoretikers, einer Partei oder anderen Gruppe, sondern vielmehr als eine vorgestellte Gemeinschaft.
Er beschreibt, dass die Möglichkeit sich die Nation vorzustellen erst vor relativ kurzer Zeit (spätes 18. Jahrhundert) aus dem Zerfall der Bezugssysteme „religiöse Gemeinschaft“ und „dynastisches Reich“ (legitimiert durch eine Gottheit) (vgl.. S.20 ff) möglich wurde. Wobei diese keine dauerhaft festen Grenzen kannten. Die dynastischen Reiche war durch durchlässige und unklare Grenzen gekennzeichnet, welche durch Kriege und Heirat verändert wurden. Die Nation geht nach Anderson jedoch  nicht einfach aus den Trümmern der alten Ordnung hervor, sondern  ist mit Veränderungen der Wahrnehmungsform von Zeit verbunden. Buch und Zeitung wurden zum Medium um sich Gleichzeitigkeit vorzustellen und sich eine säkulare, historisch gebundene Gemeinschaft zu denken (vgl. S.41). Der Kapitalismus wird für Anderson zum ausschlaggebenden Faktor bei der Entwicklung eines Nationalbewusstseins, da das Druckgewerbe zur Maximierung des Gewinns einen möglichst großen Markt sucht, wurden Bücher und Zeitungen nicht mehr in Latein, sondern in der von der Bevölkerung gesprochenen Sprache verfasst und gedruckt. Es entstanden Schriftsprachen und die gesprochen Sprache (Dialekte) konnte sich teilweise nicht erhalten. Verbunden durch Druckerzeugnisse konnten Leser_innen  eines Sprachbereiches sich eine Gemeinschaft vorstellen auch wenn nur Zufälligkeiten zwischen sprachlichen und politischen Grenzen bestanden. Dennoch wird anhand der Sprache ein  Paradoxon offensichtlich, welches Anderson wiefolgt beschreibt: „Während heute nahezu alle modernen Nationen – und auch Nationalstaaten – ’nationale Schriftsprachen‘ besitzen, muß eine Vielzahl von ihnen ihre Sprache entweder mit anderen teilen, oder es gebraucht nur ein geringer Teil der Bevölkerung die Nationalsprache in der Unterhaltung oder auf dem Papier“ (S.53). Dynastische und aristokratische Machtgruppen fürchteten durch den „Volksnationalismus“ eine Marginalisierung oder einen Ausschluß aus den vorgestellten Volksgemeinschaften und kostruierten einen  „ offiziellen Nationalismus“, einer gewollten Fussion von dynastischem Reich und der Nation. „Es ging mit anderen Worten darum, die schmale und enge Haut der Nation über den riesigen Körper eines Imperiums zu spannen“ (S.91). Die vierte deutschsprachige Auflage enthält zwei erst 1992 veröffentlichte Kapitel. In diesen bezeichnet Anderson zum einen sein ursprüngliche Annahme, dass  in den asiatisch und afrikanischen Kolonialgebieten der offizielle Nationalismus dem Vorbild dynastischer Staaten Europas folgte, als „kurzsichtig“, „voreilig“ und „oberflächlich“. Vielmehr solle „die unmittelbare Genealogie auf die Vorstellung des Kollonialstaates zurückgeführt werden“ (S.163) und er beschreibt die drei Institutionen der Macht (Zensus, Landkarte und Museum), durch welche der Kolonialstaat geprägt wurde. Zum anderen hebt er die Bedeutung der Geschichte und der Geschichtsschreibung hervor. Er betont die Bedeutung,  sowohl des Erinnerns als auch des Vergessens.
Zusammenfassend lässt sich sagen,  Andersons schrieb eines der bedeutensten und grundlegensten Bücher zu der Thematik Nation und Nationalismus. Anderson  dürfte der_die1 erste Wissensenschaftler_in gewesen sein, welche_r am Phänomen „Nation“ den soziologisch-konstruktivistischen Ansatz2, angewandt hat. Sein multidisziplinärer Ansatz welcher Fragestellungen und Methoden unter anderem aus den Geschichts- und Politikwissenschaften sowie der Soziologie kombiniert macht das Werk für viele Gebiete anschlußfähig. Es zeichnet sich aber auch durch seine leichte Verständlichkeit und vielen Beispielen aus und ist somit auch außerhalb des akadischen Milieus gut lesbar.
Die Grundidee des Werkes, dass es sich bei der Nation um ein imaginäre, vorgestellte Gemeinschaft handelt, die Zusammengehörigkeit produziert, obwohl sich die meisten ihrer Mitglieder nie sehen werden, ist bis heute aktuell. Trotzdem ist es wichtig  den Text als ein Zeitdokument zu lesen, denn inzwischen haben sich weltweit gewaltige Veränderungen, sowohl wissenschaftlich als auch politisch, ergeben.
Sätze wie „Doch erzeugen Wirtschaftszusammenschlüsse, seinen sie „natürlich“ -geographisch oder politisch-administrativ, aus sich heraus keine Zugehörigkeitsgefühle. Wer würde gerne für den Comecon oder die EG sterben?“ sind heute überholt. Der Comecon,  jener wirtschaftliche Zusammenschluss der sozialistischen Staaten welcher bis 1991 existierte, ist vielen heute nicht mal mehr ein Begriff, die EG hat sich zur EU entwickelt und seit 2003 werden immer häufiger Militärs zur Durchsetzung europäischer Interessen eingesetzt [cgl. http://www.imi-online.de/2010.php?id=2080]. Auch die These Andersons, im Zeitalter der  Säkularisierung sei es die Nation für welche „bereitwillig gestorben“ wird, mag durchaus auch heute noch richtig sein, jedoch scheint es auch andere Motive zu geben, für welche „bereitwillig gestorben“ wird, wie u.a.  religiös motivierte Terroranschläge belegen.
Neben der zum Teil nicht mehr zeitgemäßen Beispiele, soll hier jedoch auch inhaltliche Kritik geäußert werden. Es mag zwar als Vorteil erscheinen, dass Anderson zahlreiche Beispiele aus den unterschiedlichsten Regionen und Gesellschaftssystemen erwähnt und somit ein umfangreiches Bild entstehen lässt. Jedoch besteht auch die Gefahr, dass das Schwert der Kritik stumpfer wird, wenn nur die Oberfläche und nicht in die Tiefe der verschiedenen Spielarten des Nationalismus kritisiert wird. Es ist durchaus richtig, dass der Nationalismus wie wir ihn hier in Rosenheim vorfinden, genauso vorgestellt ist wie der Nationalismus in nicht-europäische Vielvölkerstaaten, aber er hat auch seine Eigenarten. Hier scheint es als mache Anderson ein diskursiven  Bogen um den aggressiven Europäischen Nationalismus. Auch wenn San Mart’in bereits 1821 verfügte: “In Zukunft sollen die Ureinwohner weder Indianer noch Eingeborene genannt werden, sie sind Kinder und Bürger Perus und sollen als Peruaner bezeichnet werden“ (S. 57) und Anderson schreibt: „Obwohl ich Lette bin, kann meine Tochter Australierin sein. Der Sohn eines italienischen Einwanderes in New York könnte seine Vorfahren in den Pilgervätern finden“ so ist es Fakt, dass der auf Blut-und-Boden-Ideologie fussende deutsche völkische Nationalismus rund 6 Millionen Menschen ermordete, mit dem Ziel  die vollständige Vernichtung der europäischen Juden.  Der  völkische Nationalismus welcher, „das Volk“  nicht als ein Zusammenschluss Freiwilliger zu einer politischen Gemeinschaft, sondern als ein gewachsenes, homogenes Wesen aufgefasst, ist auch heute noch in Deutschland die Grundlage von neurechter und rechtskonservativer Ideologie und wird in dem Buch nicht behandelt. Nationalismus in der deutschen Praxis bedeutet eben nicht nur Einschluß sonder auch Ausschluß. Dies müssen Menschen welche nicht in das beschränkte Weltblind von Nationalisten  (z.B. Sinti und Roma) passen regelmäßig erleben. Es macht den Anschein als würde Andersons Kritik an dem Konstrukt der Nation nicht weit genug gehen und auch die Rolle von nationaler Gewalt und Differenz wird  etwas unterschätzt. Aber Anderson hat ein Fundament geschaffen, auf welche eine moderne antinationale Kritik an den bestehenden Verhältnissen anknüpfen kann. Wie es zum Beispiel die Zeitung „Straßen aus Zucker“ in ihrer Ausgabe von September 2010   versucht:

„ Nationen mehr als kollektive Einbildungen: Dadurch, dass eine Anzahl von Menschen einer staatlichen Gewalt unterworfen ist, erzeugt der Staat Gemeinsamkeiten unter ihnen: Sie sind alle seinen Gesetzen unterworfen, müssen seine Sprache lernen oder für ihn in den Krieg gegen andere Nationen ziehen. (…) Menschen, die sich als Teil einer Nation begreifen (…) haben die nationale Scheiße gefressen. Sie sehen nicht, dass durch den Kapitalismus ihre Bedürfnisse nur dann zählen, wenn sie Geld haben. Geld, um die Mittel zur eigenen Bedürfnisbefriedigung auf dem Markt bezahlen zu können. Sie sehen nicht, dass Staaten die Bedingungen setzen und durchsetzen, die das kapitalistische Wirtschaften zur Folge haben. (…)“  [ http://strassenauszucker.blogsport.de/2010/10/24/5-x-pro-nation-5-x-falsch/]

Das Buch von Benidict Anderson ist im Campus Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro. Die „Straßen aus Zucker“ gibt es kostenlos in linken Treffpunkten wie dem Z (Innstr 45a, Rosenheim) und im Internet: http://strassenauszucker.blogsport.de