[25. 7.] Pro-Choice Demo – 1000 Kreuze versenken!

Aufruf zur Pro-Choice Demonstration am 25. Juli 2012 in Salzburg Sie wollen es einfach nicht verstehen. Obwohl den fundamentalistischen Abtreibungsgeg-nerInnen um Human Life International (HLI), Euro Pro Life, Jugend für das Leben & Co. letzten Sommer unmissverständlich klar gemacht wurde, dass sie und ihre frauenfeindliche Prozession in Salzburg nicht willkommen sind, planen sie für den 25. Juli 2012 wieder einen sogenannten 1000-Kreuze-Marsch durch die Innenstadt.

Bei diesem “Gebetszug für das Leben” wollen die AbtreibungsgegnerInnen mit weißen Holzkreuzen ausgerüstet für ihre frauenfeindliche Agenda werben. Letztes Jahr konnte der Marsch dank des beherzten Einschreitens emanzipatorischer Aktivist_innen mittels Blockaden erfolgreich gestört und abgekürzt werden. Die Schlusszeremonie der FundamentalistInnen musste praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Erfreulich ist auch, dass das “Lebenszentrum”, der Sitz von HLI Salzburg, umgezogen ist. Das ehemalige Lokal mit seiner riesigen Fensterfront steht leer, und das neue Lebenszentrum ist mit seinem kleinen, meist durch einen Vorhang verhängten Fenster auf den ersten Blick nicht mehr als solches zu erkennen. An dieser Stelle möchten wir eine Aussage aus unserem letztjährigen Aufruf korrigieren: die Versicherung von HLI zahlt offenbar doch nicht bei Glasbruch. Mit dem alten Hauptquartier der religiösen AntifeministInnen sind die riesigen Embryobilder aus dem Stadtbild verschwunden. Frauen*, nicht Brutkästen! Der Embryo spielt in der Argumentation der Anti-Selbstbestimmungs-Organisationen eine zentrale Rolle. Dazu muss gesagt werden, dass ein Embryo in der 12. Schwangerschaftswoche, bis zu der Schwangerschaftsabbrüche in Österreich straffrei sind, noch kein zentrales Nervensystem hat, und es sich genau genommen erst um einen Zellhaufen handelt. Trotzdem genießt der Embryo laut HLI und Co. Rechte als “Mensch”, die die Rechte der werdenden Mütter nicht vergrößern, sondern einschränken oder sogar aufheben. Frauen* werden von AbtreibungsgegnerInnen als bloße Versorgunggssysteme für den Fötus begriffen. Frauen*, die über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenken oder sich dazu entschließen,sind für sie nicht mehr als Menschen mit Bedürfnissen und Rechten denkbar, sondern als “feindliche Umwelt” für den Embryo. Dementsprechend lassen die Abtreibungsgegner-Innen keinen einzigen der Gründe gelten, aus denen sich Frauen* für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden können. Egal ob sich eine Frau* zu jung für ein Kind fühlt oder zu alt, ob es einfach nicht in ihre Lebensplanung passt oder ihr Partner gewalttätig ist, ob sie die Schule erst fertig machen möchte oder ihr weniges Geld für ihr eigenes Überleben braucht, egal ob sie vergewaltigt wurde – alle Einwände werden abgeschmettert. Nur die vermeintliche Pflicht zum Mutter-Sein zählt. In ihrem frauenverachtenden Starrsinn versteigt sich HLI zu haarsträubenden Aussagen. So werden z.B. Schwangerschaftsabbrüche mit Vergewaltigung gleichgesetzt: “eine Abtreibung, wie auch eine Vergewaltigung, [stellen] einen groben Gewaltakt dar[…], der an einem völlig schuldlosen Opfer begangen wird. Im Fall der Abtreibung wärest DU die Täterin.” HLI empfiehlt, die Schwangerschaft auszutragen und dem Vergewaltiger zu “vergeben”, denn “nur Vergebung allein wird den Hass zum Schmelzen bringen.” Gnädigerweise erlaubt der Salzburger Weihbischof Andreas Laun in einem widerlichen Aufsatz über “natürliche Empfängnisregelung” folgende Vorgehensweise: “Besteht die akute Gefahr einer Vergewaltigung, dürfen sich Frauen gegen eine mögliche Schwängerung durch ein Verhütungsmittel (das wirklich nur verhütet, nicht abtreibt) schützen” Wie darf eine_r sich denn das vorstellen?! Zu den “abtreibenden Verhütungsmitteln” zählt Laun übrigens die Pille und die Spirale. Vor diesen “hochwirksamen Präparaten” müssten Frauen* angeblich geschützt werden, und zwar von keinem geringeren als ihm, dem Weihbischof from hell. “Der Volkstod im Mutterleib” Bis ins Schlafzimmer hinein wollen sich die rechten Pfaffen in das Leben anderer Leute einmischen. Verhütungsmittel sind tabu, ebenso unehelicher Sex, sowie Formen der Sexualität, bei denen keine Ejakulation in die Vagina stattfindet. Und Sex von Lesben oder Schwulen ist sowieso Teufelswerk. Die sogenannte “natürliche Empfängnisregelung”, bei der die Frau* ihre Temperatur messen soll um ihre fruchtbaren Tage zu ermitteln, während derer dann “heroischer Verzicht” geübt werden darf, ist selbstverständlich völlig unsicher und schützt nicht vor der Übertragung von Geschlechtskrankheiten und AIDS. Trotzdem meint Laun, “für Menschen in der Dritten Welt ist diese Methode bestens geeignet.” Denn selbst die “unterentwickelten” Afrikaner_innen würden dieses einfache Rezept verstehen: ‘ob Acker oder Vagina, feucht heißt fruchtbar und trocken heißt unfruchtbar.’ Hier wird das herablassende, rassistische und chauvinistische Menschenbild vieler fundamentalistischer AbtreibungsgegnerInnen sehr deutlich. Die Bedürfnisse des Individuums zählen nicht. Schwangerschaft wird als ‘Dienst am Volk’ verstanden, welches Frauen* durch laufendes Gebären zu erhalten hätten. Die Augsburger Anti-Choice-Organisation AlfA schreibt in lupenreiner nazistischer Volkstod-Rhetorik: “Das Volk stirbt nicht auf der Straße, sondern im Mutterleib.” Kein Wunder, dass sich Nazis unter den fundamentalistischen AbtreibungsgegnerInnen wohlfühlen und, wie in München und Münster, auch gerne an 1000-Kreuze-Märschen teilnehmen. Eine Distanzierung durch die VeranstalterInnen erfolgt in der Regel nicht. Wo nazistische Inhalte vertreten werden, ist die FPÖ meist nicht weit. HLI zeigt auf ihrer Homepage seit Jahren ein Video, in dem HC Strache davon schwafelt, dass Abtreibungen etwas ganz Schlechtes seien, und dass Frauen* ihre Bedürfnisse einer “erfolgreiche[n] Zukunft mit einer kinderreichen Gesellschaft” unterzuordnen hätten. Mit dieser “kinderreichen Gesellschaft” sind dann wohl nicht die MigrantInnen gemeint, deren angeblicher Kinderreichtum der FPÖ schon immer ein Dorn im Auge war und sie von “Überfremdung” phantasieren lässt. Bevölkerungspolitik Eine vollständige Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, wie sie die OrganisatorInnen des 1000-Kreuze-Marsches fordern, ist also ganz klar auch als Mittel der Bevölkerungspolitik gemeint. Bevölkerungspolitik funktioniert durch Berechnungen über die ideale Bevölkerungszahl und -struktur in einem Staat und über Maßnahmen, die eine entsprechende Entwicklung erzwingen sollen. Sie basiert auf der Vorstellung, eine ‘Bevölkerung’ müsse wie ein einziger (“Volks-”)Körper Regeln unterworfen und gesteuert werden. Hier sollen v.a. Frauen* der “Mehrheitsgesellschaft” ganz offensichtlich als Brutkästen zur Vermehrung einer weißen, christlichen Bevölkerung herhalten, während Migrantinnen, Women of Colour und Roma-Frauen lieber nicht zu viele Kinder haben sollen. Es gibt Berichte, dass in der Slowakei Romnija zwangssterilisiert werden. Viele Feministinnen kritisieren das Konzept der Bevölkerungspolitik scharf. Zu Recht. Denn der bürgerliche Staat (und Möchtegern-LenkerInnen eines faschistischen oder eines Gottes-Staates) versuchen nach wie vor, auf Frauen*körper zuzugreifen. Dagegen muss noch immer der Kampf um die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und das eigene Leben geführt werden. Und weil eben viele Menschen, die als Frauen* leben, gebärfähig sind, ist an diesem Punkt ein Kampf als politisches Subjekt Frau* sinnvoll und notwendig. Die beschriebenen Zumutungen sind nicht nur ein Problem sektenhafter Häufchen von fundamentalistischen Spinnern. Leider ziehen sich derartige reaktionäre Vorstellungen durch die gesamte Gesellschaft. Ein selbstbestimmter Umgang mit der eigenen Gebärfähigkeit wird richtigerweise als Gefahr für das bestehende Schweinesystem erkannt und soll Frauen* deshalb durch verschiedene Mittel schwer gemacht werden: Durch das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie als Keimzelle des Staates, durch das Verhindern einer gerechten Arbeitsteilung in der Reproduktionsarbeit (auf Kinder aufpassen, kochen, waschen, putzen,…), durch niedrigere Frauen*gehälter und -löhne. Also durch das Propagieren einschränkender Geschlechterrollen, und indem behauptet wird, diese gesellschaftlichen Ausbeutungs- und Gewaltverhältnisse seien etwas ganz Natürliches. Widerstand Dem müssen wir unseren Widerstand entgegensetzen. Das heißt: Frauen* und solidarische Männer* müssen aktiv werden, um reaktionäre Ideen aus den Köpfen der Leute wegzukriegen. Aufklärung und Aktivismus (Komm zur Demo!) gehen dabei idealerweise Hand in Hand. Wichtige Schritte wären die Streichung von Schwangerschaftsabbrüchen aus dem Strafgesetzbuch, Abbruch auf Krankenschein, und kostenlose Verhütungsmittel für alle. Allerdings: damit wirklich Schluss ist mit Bevormundung und Ausbeutung kämpfen wir konsequenterweise für eine emanzipatorische, befreite Gesellschaft. Nieder mit dem sexistischen Normalzustand und dem Kapitalismus, für die Anarchie! Den 1000-Kreuze-Marsch zum Desaster machen! Apropos Geschlechterrollen: wir finden, dass diese auch bei Demos und Aktionen aktiv hinterfragt werden müssen. Warum sollen ausgerechnet bei Frauen*themen neben “bunten, kreativen” Protesten nicht auch militante Aktionsformen möglich sein? Warum nur kreativ begleiten, wenn wir auch verhindern können? 25.Juli.2012, 13:30 Uhr, Hauptbahnhof Salzburg Ob in bunt oder in Alltagskleidung: komm zur Demo, bring deine Schwestern, Freund_innen, Arbeitskolleg_innen und andere Kompliz_innen mit!