Murder inna Dancehall; reloaded!

Wir dokumentieren im folgenden den Aufruf des RABATZ- Bündnis zum Chiemsee Reggae Summer in Übersee:

Wie schon in den letzten Jahren macht das Chiemsee Reggae Summer mit offen homophoben¹ KünstlerInnen² auf sich aufmerksam. 2000 und 2004 wurde Buju Banton eingeladen, der im Juli 2004 auf Jamaika an einem schwulenfeindlichen Übergriff persönlich beteiligt war³. 2007 und 2011 wurde sich um Capleton bemüht, der davon singt, alle Schwulen und Lesben zu verbrennen⁴. Im Jahr 2009 T.O.K., welche Texte haben, in denen sie davon reden, Autos, mit homosexuellen Insassen, anzuzünden⁵ und 2010 Sizzla („Ein Rasta entschuldigt sich nicht bei einer Schwuchtel, wenn du King Selassie beleidigst, erschieße ich dich!“⁶).

Für dieses Jahr ist, wie zuvor schon 2000 und 2008, Beenie Man angekündigt.
Mit Texten wie „Brenne Schwuchtel, lasst mich eure Hände sehen, hängt alle Lesben mit einem Stück Seil“⁷, „Ich träume von einem neuen Jamaica, indem alle Schwulen exekutiert werden“⁸ oder „Alle Schwuchteln müssen sterben“⁹ drückt er seinen homophob motivierten Hass drastisch aus und ruft zu Pogromen an homosexuellen Personen auf!
Offiziell hat er zwar 2007 den so genannten Reggae Compassionate Act (RCA) unterzeichnet, welcher aussagt, dass sich alle UnterzeichnerInnen² von homophoben Inhalten distanzieren. Allerdings führte er auch nach der Unterzeichnung einschlägige Songs auf und lässt diese auch weiterhin verkaufen.
Damit ist er in „guter“ Gesellschaft. Viele Artists, die den RCA signierten, fielen danach wieder durch homophobe Äußerungen oder Distanzierung vom RCA (z.B. oben genannter Sizzla) auf. Das zeigt nur die Wirkungslosigkeit des RCA und auch vielen vergleichbaren Verträgen.
In einem seit Mai 2012 veröffentlichtem Video versucht Beenie Man weiteren Protesten gegen seine Auftritte entgegenzuarbeiten. Er spricht in diesem Video davon, dass er alle menschlichen Wesen liebt, „egal welcher Rasse oder welcher Überzeugung, unbeachtet der religiösen Einstellung oder der sexuellen Ausrichtung, eingeschlossen Schwule und Lesben“¹⁰. Außerdem fordert er, ihn nicht wegen Dingen anzugreifen, die 20 Jahre zurückliegen. Dass er selbst in den letzten zehn Jahren (u.a. 2009 in Uganda, wo „der King of Dancehall [, wie sich Beenie Man selbst bezeichnet,] durch seine Gesänge und seine Ansprachen ein Schwert aus Worten in Schwule steckte“ ¹¹) Homophobie verbreitete verschweigt er.
Auch legt er laut RJRnews zur gleichen Zeit Wert darauf, dass er sich nie entschuldigt hat¹². Dadurch ergibt sich der begründete Verdacht, dass das Video eine reine PR-Aktion und nicht ernst zu nehmen ist!

Und Beenie Man ist nicht der einzige „problematische“ Act! T.O.K., die am Anfang bereits aufgeführt wurden, sind auch dieses Jahr wieder eingeladen. Diese haben u.a. 2001 durch den oben zitierten Song im jamaikanischen Wahlkampf dazu beigetragen, noch weiter Hass gegen Homosexuelle zu schüren. Inzwischen sollen sie sich angeblich nicht mehr mit den damaligen Inhalten identifizieren. Allerdings sollte ein Festival mit einer solchen Vergangenheit wie das CRS sich selbst von solchen Acts distanzieren. Nur dann würden wir eine gewisse Hoffnung hegen, dass die Haltung der Veranstalter_innen sich geändert hat.

Weiterlesen:
Als dritter zu kritisierender Act tritt Gentleman (Tilmann Otto) auf. Dieser hat auf der einen Seite zusammen mit Sizzla (siehe oben) einen Song aufgenommen und auf der anderen Seite immer wieder beteuert, wie sehr er Homophobie doch angeblich verabscheut.
Bei Versuchen, genau diesen Widerspruch bzw. die Homophobie im Reggae und Dancehall zu erklären, bezieht er sich auf den oben bereits erwähnten RCA und rechtfertigt die Homophobie durch die Religion oder die Kultur der betroffenen Artists.¹³ Aber das ist kein Argument welches gegen den Versuch diese Homophobie zu stoppen/ändern spricht, höchstens gegen die Religion oder Kultur dieser „KünstlerInnen“.
2011 wollte er noch einmal seinen Standpunkt klarstellen, dabei brachte er den komischen Vergleich: „Homophobie ist Faschismus¹⁴“¹⁵. Dieser Schwachsinn wird bereits deutlich, wenn die zwei Definitionen einander gegenübergestellt werden.
Otto hat allerdings recht, wenn er sagt, dass es auch in Deutschland Personen gibt, die öffentlich homophobe Texte verbreiten. Unserer Meinung nach, sollte diesen auch kein Raum zur Äußerung ihrer Ideologie gegeben werden, ebenso wenig wie homophoben Artists aus Jamaika oder sonst woher.

Ein weiterer Kritikpunkt am CRS ist der Umgang mit sexualisierter Gewalt. Registrierte Vergewaltigungen gibt es fast jedes Jahr, u.a. 2008¹⁶. Allerdings dürfte die wirkliche Anzahl weit höher liegen, da viele Betroffene sich nicht trauen über diese Vorfälle zu reden.
Doch Vergewaltigungen sind nur die Spitze des Eisbergs. Ungezählt bleiben die Fälle von sexueller Belästigung, unerwünschten Berührungen und Annäherungsversuchen oder demütigenden und obszönen Sprüchen. Dass dies auf dem Chiemsee Reggae Summer alltägliches Rahmenprogramm ist, dürfte selbst den Veranstalter_innen kaum entgangen sein.
Trotzdem wird nichts dagegen unternommen. Es wird kein Raum für Betroffene von sexualisierter Gewalt errichtet, in den diese sich zurückziehen können um Schutz, Beistand und Beratung finden. Auch ein Konzept zur Prävention solcher Vorfälle und zur Information über dieses Thema sollte dringend geplant und durchgeführt werden.
Durch das bewusste Verschweigen und Wegschauen wird ein Desinteresse demonstriert, welches zu einem Klima beiträgt, in dem solche Übergriffe leichter möglich sind!

Diese Probleme begleiten das ChiemseeReggaeSummer bereits seit Jahren. Die verantwortliche CRP Konzertagentur GmbH aus Trostberg wurde immer wieder darauf hingewiesen und an einem sog. „runden Tisch“ wurden Abmachungen getroffen, die auch dieses Jahr wieder von den Veranstalter_innen gebrochen werden. Es scheint für sie mit zu viel Aufwand verbunden zu sein für das Wohlergehen aller ihrer Gäste zu sorgen! Das würde eventuell zu viel Geld kosten und den Gewinn des CRS verkleinern.

Auch die Gemeinde Übersee sollte bei solchen Vorfällen ihre Verantwortung wahrnehmen. So hat sie die Möglichkeit, dem Festival die Sondergenehmigung zu entziehen oder kann dadurch Druck auf die Veranstalter_innen ausüben.

Dazu wollen und werden wir nicht schweigen!
Wir fordern alle auf sich an den Protesten gegen Homophobie und Sexismus und den Umgang der Organisator_innen des CRS damit zu beteiligen und selbst aktiv zu werden.

¹ Homophobie ist die Ablehnung der Hass und die Angst gegenüber homosexuellen Personen
² Rastsafari teilen Menschen nur in weiblich und männlich.
³ http://www.guardian.co.uk/world/2004/jul/17/gayrights.arts
⁴Song: Muo Faia;
Auszug: „They should know Capleton burns battymen [=gays] the same thing applies to the lesbian“
⁵Song: Chi Chi Man;
Auszug: „If they [gays] hanging in a gay man’s car blaze the fire, let’s burn them! Burn them!“
⁶Song: Na Apologize;
Auszug: „Rastafari don‘t apologize to a fag if you disrespect King Selassie my gun‘ll shoot you fag“
⁷Song: An Op De;
Auszug: „Burn chi chi man [= gays] let me see the hands go up […] Hang lesbians with a long piece of rope“
⁸Song: Damn;
Auszug: „I‘m thinking of a new Jamaica to come that executes all gays!“
⁹Song: Batiman Fi Ded:
Auszug: „All faggots must die!“
¹⁰https://www.youtube.com/watch?v=KIJtjgn2ypQ
Auszug: „regardless of which race or creed, regardless of religious belief, regardless of which sexual preference you have including gay and lesbian“
¹¹http://www.advocate.com/news/daily-news/2009/12/07/pepsi-sponsors-antigay-concert-uganda
Auszug: „the King of Dancehall stuck a sword of words into gay people through singing and talking“
¹²http://rjrnewsonline.com/entertainment/beenie-man-says-he-never-apologized-just-wants-be-left-alone
¹³https://www.youtube.com/watch?v=MMygtg7CifY
¹⁴Faschismus ist eine nach dem Führerprinzip organisierte, nationalistische, antidemokratische, rechtsradikale Bewegung/Ideologie, bzw. eine Herrschaftsform die auf diese Ideologie aufbaut. (nach dem Duden)
¹⁵https://www.focus.de/kultur/musik/saenger-gentleman-homophobie-ist-faschismus_aid_621903.html
¹⁶http://www.welt.de/regionales/muenchen/article2348071/Sex-Angriffe-bei-Reggae-Summer.html