Bayerisches, Allzubayerisches – Zum 135. Geburtstag von Erich Mühsam

Erich Mühsam wäre heute 135 Jahre alt geworden. Am 6. April 1878 wurde er in Berlin geboren und entwickelte sich zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten des Anarchismus in Deutschland. Er war Schriftsteller, Publizist, Redner und Revolutionär. Die Nazis erschlugen ihn am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg.Mühsam war aktiv am Sturz der bayerischen Monarchie sowie der Gründung der Münchner Räterepublik führend beteiligt und verbrachte danach mehrere Jahre in Festungshaft. Von seinem Wirken im Raum Rosenheim zeugt u.a. das Gedicht „Bayerisches, Allzubayerisches“ von 1926, in welchem er satirisch die offene Zusammenarbeit des konservativ-königstreuen Bürgertums mit völkisch-nationalistischen Kräfte kritisiert. Der Antimilitarist, Antifaschist und Radikaldemokrat wurde in der Nacht des Reichstagsbrands verhaftet und in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934 von der bayerischen SS-Wachmannschaft des KZ Oranienburg ermordet. Gemäß des Mühsam-Mottos “Sich fügen heißt lügen“ sind aber viele seiner Gedichte auch heute, noch aktuell und dürften vielen aus dem Herzen sprechen.

 

Bayerisches, Allzubayerisches

 

Sie zogen auf in Rosenheim

mit Pauken und Trompeten,

mit Ehrenjungfrauen, Rührungsschleim,

mit Jodlern und Gebeten.

 

Ganz vorne bei der Blechmusik,

den Degenknauf vergoldet,

Herr Rupprecht, den die Republik

– und nicht zu knapp! – besoldet.

 

Heil! Klang es, Holdrio! Juhu!

Bierstimmig, hofbräutönig.

Der Böller schoss; man rülpst‘ dazu:

Hoch Rupprecht, Bayern König!

 

Ihm folgt‘ das Ehrenkomitee,

in Helmen und Zylindern,

und eingerahmt war die Chausee

von treuen Landeskindern.

 

Doch neben seiner Majestät

im Schmucke hoher Orden –

Graf Arco mit dem Schießgerät,

das er gebraucht zum Morden.

 

Hoch schlug der Rosenheimer Herz;

der Jubelschrei erschallte:

Heil Arco, der von hinterwärts

Kurt Eisner niederknallte!

 

Und wie’s in Rosenheim geschehn,

stets soll – so wolln wir hoffen –

der Mörder mit dem König gehen …

Wohin? — Das bleibt noch offen!

 

Erich Mühsam, 1926